Stadtgefühle – Shanghai ist …

Shanghai ist, Stadtgefühle

Seit nunmehr dreieinhalb Jahren ist Shanghai meine Wahlheimat. Im Rahmen einer Blogparade habe ich mich gefragt: Wie würde ich Shanghai beschreiben, wie ein Leben in dieser internationalen Metropole? Wie ist Shanghai eigentlich? Hier ist meine Sicht.

Shanghai ist …

Shanghai ist modern. Bunt. Laut. Da sind die Feuerwerkskörper, die das ganze Jahr gezündet werden, die Lautsprecherdurchsagen der Schrottsammler (»Klimaanlagen! Computer! Kühlschränke!«), die mit Megaphonen an ihren Mopeds durchs Viertel fahren; da sind Alarmanlagen und Hupen. Shanghai ist der Abwassergestank, der manchmal aus den Kanälen zieht und mich an meine Kindheit am See erinnert (als der umgekippt ist, stank er genauso), es ist der süßliche Geruch, der aus Bäckereien schwappt, der Gestank von Stinktofu, der einem wie aus dem Nichts entgegenschlägt.

Shanghai ist Geldgier, Markenwahn und Konsumieren. Es ist Überlebenskunst, Pragmatismus und Unterhosen, die an Ampeln hängen. Es ist Variété-Shows aus der Nachbarwohnung, Musizieren im Park, Tanzen auf der Straße.

Shanghai ist das aufrichtige Strahlen eines Müllmanns, mit dem man gerade zwei Sätze auf Chinesisch gewechselt hat. Shanghai ist freundlich, Shanghai ist rücksichtslos, Shanghai ist die Handbewegung in eine vage Richtung, wenn man jemandem nach dem Weg fragt.

Shanghai ist ein rosa Glitzerporsche mit strassbesetztem Hello-Kitty-Emblem. Shanghai ist Abendessenkochen auf der Straße. Es ist Drängeln in den Öffentlichen, blaue Flecken im Carrefour und »Achten Sie auf Ihre Sicherheit! Jetzt bitte nicht aufs Handy schauen!«-Ansagen an den U-Bahnrolltreppen.

Shanghai ist der beißende Rauch von Straßengrills, ist ein Buchladen, der abends schon ein Schuhgeschäft ist. Shanghai ist sieben fußläufig zu erreichende Starbucks-Filialen in meiner Umgebung. Shanghai ist meine Reinigungsfrau, die glaubt, dass alle deutsche Männer »behaart sind wie ein Bär«.

Shanghai ist ein Schlafanzug als Street Wear, sechs Stockwerke ohne Aufzug und drei Smartphones in einer Hand. Es ist Schoßhündchen in Designerkleidung und Riesenpfützen nach einem Wolkenbruch. Es ist von Platanen gesäumte Alleen, Hochhausdschungel, mein Zhongshan-Park.

Zhongshan-Park, Shanghai
Im Zhongshan-Park

Shanghai ist Pizza mit Bananenbelag und Chips mit Zitronenteegeschmack. Shanghai ist ein Glücksbringer-behangener Rückspiegel im Auto, Omas in gefälschten Chucks und Abendgarderobe als Alltagsoutfits.

Shanghai ist chaotisch, exotisch und vertraut. Reizüberflutung. Shanghai ist die Frage »nǐ shì nǎ guó rén?« (frei: woher kommst du?) und das Zirpen der Grillen im Sommer.

Shanghai ist nicht meine Heimat, aber mein Zuhause. Und das bleibt es hoffentlich noch lange.

Blogparade »Stadtgefühle«

Das ist mein Beitrag zur Blogparade Stadtgefühle von Lina von Notes To Herself.

Wie würdet ihr Shanghai beschreiben?

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28 Gedanken zu “Stadtgefühle – Shanghai ist …

  1. Was für beeindruckende, unterschiedliche Bilder! Ich finde es total schön, in welchem Facettenreichtum du Shanghai beschrieben hast. Nach den Jahren kannst du ja mittlerweile ein ziemlich gutes Bild von der Stadt präsentieren – und doch bleibt es “dein” Eindruck – mit ganz eigenen Akzenten.

    1. Danke, da bin ich ja froh, dass es dir gefällt 😀

      Der Text ist schon die gekürzte Variante, ich hätte noch zwei Seiten so weiterschreiben können. Ich habe bestimmt noch einige wichtige Facetten vergessen …

  2. Shanghai ist also wie das Leben, genauso so vielschichtig, genauso bunt … Hauptsache aber ist, wie man selbst eine Stadt empfindet, wie man sie in sich aufnimmt, wie man sich in ihr fühlt. Und was gibt es Besseres, als wenn man sagen kann, sie ist meine Heimat? Dann ist man „angekommen“.
    Herzliche Grüße, die immer tiefer aus der Provinz kommen, je mehr ich in Deinem Blog lese. :-))) Eberhard

    1. Heimat würde ich Shanghai nun nicht nennen (dazu fehlt dann doch ein bisschen, vielleicht schreibe ich mal was dazu), aber Zuhause ist es schon. Also „angekommen“ bin ich auf jeden Fall 😀

  3. Eine Beschreibung, die mich auf jeden Fall nach Shanghai locken könnte. Allerdings wünschte ich mir wohl jemanden an die Seite, der mich zumindest in den ersten Tagen etwas anleitet. Käme mir ziemlich fremd vor. Danke für den tollen Text. 🙂

    1. Eine Begleitung macht es am Anfang bestimmt einfacher. Ich hatte damals ja zum Glück meinen Mann dabei. Der kannte Shanghai zwar nur aus den 90ern (was mit dem heutigen nicht mehr viel gemein hat), aber das hat es auch schon einfacher gemacht 😉

    1. Danke, mach doch auch bei der Parade mit und schreib über München – würde mich auch interessieren, was jemand über meine alte Heimat sagt 😀

  4. Ni hao,
    aus deiner Beschreibung kann ich mir sehr gut Shanghai bildlich vorstellen. Einige Sachen kenne ich aus eigener Erfahrung. In Shanghai war ich bisher nur 2 Tage und ist mir im Gegensatz zu Beijing nicht besonders im Herzen geblieben. Aber es soll ja so sein, wer Beijing liebt, mag Shanghai nicht so sehr und umgekehrt.
    Lg Thomas

    1. Hehe, ja da soll es so eine Konkurrenz zwischen den beiden Städten geben. Mich zieht es übrigens tatsächlich nicht so nach Peking (war noch nicht da), aber das ist wohl eher Vorurteilen geschuldet, die man dank (deutscher) Medien so hat.

      Shanghai ist auch sicher nicht die beste Stadt, um China kennen zu lernen. Ich mag andere Städte, in die ich fahre, meistens auch lieber. Aber da ich nun mal in Shanghai wohne … Außerdem ist Shanghai ja trotzdem China und das ist erst mal die Hauptsache 😀

  5. Für mich bedeutet Shanghai vor allem: Langeweile. Keine Möglichkeit mal aus der Stadt raus zu kommen am Wochenende, nur grau und Beton und das schon seit 2,5 Jahren….. jetzt ist es noch ein halbes Jahr und ich zähle jede Minute….

    Aber schön das es dir gefällt. Die meisten Expats sind nach sehr kurzer Zeit wieder weg. Liegt vermutlich nicht daran das Shanghai so traumhaft ist.

    Vor allem die Wochenenden sind so unglaublich zäh. Raus kannst oft nicht wegen der Schlechten Luft und wenn die mal gut ist gibt es leider nichts das man Unternehmen kann außer Shopping (wobei das die Chinesen ja meist im Ausland machen).
    Kann es immer kaum erwarten bis die Arbeit am Montag wieder los geht und ich wenigstens was zu tun habe oder beruflich raus aus der Stadt kann.

    1. Schade, dass es dir hier so gar nicht gefällt.

      Was du da schreibst, habe ich nun auch schon öfter von Expats gehört. Shanghai hat natürlich seine Probleme (Luft etc.) und kann manchmal etwas eintönig wirken. Im Vergleich finde ich andere chinesische Städte meistens auch sympathischer.

      Trotzdem habe ich mich z.B. in München mehr gelangweilt. Hier in Shanghai gibt es doch alles (selbst Kultur findet man, man muss nur ein bisschen suchen ;-)) und mit dem Schnellzug (oder den vielen Bussen) ist man am Wochenende ruckzuck woanders. Ich bin jetzt schon 3,5 Jahre hier und habe immer noch eine lange Liste, was ich in SH und Umgebung noch machen will …

      Was genau würdest du denn in Shanghai gern unternehmen, was nicht geht? Was vermisst du denn?

      1. Natur? Grün? Saubere Luft? Essen das nicht eklig schmeckt? Echte Supermärkte mit echtem Essen? Geruch von Blumen (und nicht den von Urin)? Ruhe? Niedrige Preise (quasi alles ist ja unverschämt teuer in SHA)? Eine Therme? Hygiene? Menschen die nicht unglaublich rücksichtslos sind? Ausflüge in eine Ungebung die mixt total herunter gekommen ist (die Wasserstädte sind ja einfach nur eklig)? Etwas machen ohne Menschenmassen? Wohnungen die den Namen verdienen?
        Es ist einfach kein Leben in Shanghai. Wer allen Ernstes meint dort auch nur 1% europäischer Lebensqualität zu finden hat meiner Meinung nach ein ernsthaftes Alkoholproblem oder ist ein Mann dem es vorwiegend darum geht Chinesinnen flach zu legen. Ansonsten kann es einen in SHA einfach nicht gefallen. Ich hab jetzt 3 Jahre versucht auch nur im Ansatz etwas positives in Shanghai zu finden und mit Ausnahme der Metro hab ich nichts gefunden. Wirklich kein Spaß die Stadt. Im quality of Living Index von Mercer belegt Shanghai einen der letzten Plätze – für die meisten Expats ist es der blanke Horror.

      2. Hey, schön, dass du noch geantwortet hast 🙂

        Hm, was du schreibst, hat ja weniger mit Langeweile an sich zu tun als mit genereller Unzufriedenheit. „Nur“ weil die Hygiene nicht den deutschen Standards entspricht, kann man ja trotzdem in ein Kino, Museum, einen Park oder in ein Café gehen …

        Viele Sachen, die du ansprichst, kann ich auch verstehen. Shanghai ist nicht perfekt und hat seine Probleme wie schlechte Luft, die Drängelei oder Mangel an Hygiene. Im Vergleich zu anderen chinesischen Städten sind wir in SH aber glaube ich noch gut dran 😉

        Dass es in Shanghai keine Natur gibt, ist ja klar (erwartest du wirklich Natur, wenn du in eine Großstadt ziehst? ;-)). Ich finde Shanghai aber überraschend grün – mit so vielen Bäumen und (teilweise sehr schönen) Parks hatte ich damals nicht gerechnet.

        In diesem Satz von dir „Wer allen Ernstes meint dort auch nur 1% europäischer Lebensqualität zu finden …“ ist allerdings ein Denkfehler. Shanghai liegt nicht in Europa, folglich soll/kann/darf man hier auch nicht die Qualität der D-A-CH-Länder erwarten. Ich glaube, deshalb haben die klassischen Expats (also die, die relativ spontan von ihrer Firma entsandt werden) hier oft auch so große Probleme. Sie haben sich davor fast nie für China interessiert, waren auch noch nicht dort und wissen nicht, was sie erwartet, und legen dann oft den heimatlichen Standard als Messlatte. Da wundert es mich dann nicht, dass Shanghai in der Statistik so schlecht abschneidet.

        Lebensqualität kann man hier aber durchaus finden. Ich finde z.B. die 24-h-Supermärkte toll, die Vielfalt in den Märkten und in den echten Supermärkten (die gibt es hier in Changning in Hülle und Fülle), dass ich jederzeit im Restaurant essen oder ein Taxi nehmen kann (weil es eben gerade nicht teuer ist). Einkaufszentren, auch wenn ich sie selten brauche, kann ich fußläufig erreichen. Die älteren Sträßchen, die noch nicht „harmonisiert“ wurden, haben durchaus Flair und die Leute sind meistens freundlicher zu mir als in Deutschland (natürlich nicht alle, Arschlöcher gibt es überall).

        Was mir an den dunklen Tagen in Shanghai immer geholfen hat, ist, positiv zu denken. Die schlechte Luft in SH kann ich genau so wenig ändern wie das Dreckswetter in Deutschland – warum also drüber aufregen? Die Metro macht abends viel zu früh dicht – dafür fährt sie tagsüber öfter als in München und zur Not kann ich immer noch auf ein billiges Taxi umsteigen usw. Ein paar chinesische Freunde zu finden oder einen Ausländer, der mit Shanghai nicht so unzufrieden ist, hilft auch – so ist es leichter, die positiven Seiten an der Stadt zu finden.

        Schade, dass dein Aufenthalt in Shanghai so zur Qual wurde – und Hut ab, dass du trotzdem die ganze Zeit durchgezogen hast! Ich wünsche dir wirklich, dass du an einem anderen Ort, an dem du dich wohler fühlst, glücklich wirst.

        LG
        Shaoshi (die Shanghai meistens mag, aber trotzdem kein Alkoholproblem hat – ich trinke fast nie :-D)

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